Arme, Reiche und fleißige Bürger
Wasps und Geschäftsleute aus Hong Kong
Teure Schulen für Privilegierte
Wie überall in der westlichen Welt leben drei Klassen Seite an Seite. Aber in Australien hat sie soziale Pyramide die Form eines Football-Geschosses: eine riesige Mittelklasse, wenige Arme, wenige Reiche. Dieser unermessliche Mittelstand reicht, grob gesagt, von General-Motors-Angestellten bis zu deren leitendem Manager.
Eine Analyse der Steuerklassen der letzten Jahre zeigt, dass, während 90% der Australier zwischen siebentausend und zweiundzwanzigtausend Dollar erklärt haben, weniger als dreitausend unter ihnen die Schwelle der hunderttausend Dollar jährlich überschritten haben. Die "Unterprivilegierten" werden hingegen immer zahlreicher. Nahezu fünfhunderttausend Australier gaben weniger als fünftausend Dollar jährlich an, der Mindestbetrag, um besteuert zu werden: Arbeitslose, bestimmte Ureinwohner, alleinerziehende Mütter, bestimmte Einwanderer ohne Ausbildung, Hippies und andere Randgruppen. Die Armutsgrenze wird durch die Unmöglichkeit symbolisiert, ein eigenes Haus errichten zu lassen. Die Zahl dieser „Heruntergestuften“ erlebt seit einigen Jahren ein merkliches Wachstum.
Was die Reichen betrifft, so lassen sich diese grob in drei Kategorien einteilen: die schafszüchtende und landwirtschaftliche Aristokratie des Südwestens, die soziale Gruppe des ehemaligen Premierministers Malcolm Fraser (der für seinen brillanten neoliberalen Kommentar in die Geschichte eingegangen ist: „life was not meant to be easy“ – das Leben ist nicht dazu da, um einfach zu sein), die neuen Reichen der Industrie, der Bergwerke, des Handels, des Immobilienmarktes (wie Lang Hancock, der westaustralische Kock Ewing, oder Rupert Murdoch, der Citizen Kane Adelaides); die mit ihren Dollars aus Hong Kong heimgekehrten Geschäftsleute.
Im Gegensatz zu nordamerikanischen Verhältnissen sichert einem der geschäftliche Erfolg keineswegs einen Platz in der gehobenen Gesellschaft Australiens.
Wie in Deutschland oder England behält das Geld in Australien seinen Ruch bei. Die Neureichen müssen sich gebührend ausweisen. Und die legitimen Netze der sozialen Macht sind nicht nur an ein solides Bankkonto gebunden.
Sie können de facto von zweierlei Art sein: für die WASP-Bourgeoisie (white, Anglo-Saxon, protestant) eine solide Erziehung in einer der angesehenen public schools des Landes und ein kleiner Besuch in Oxford oder Cambridge; für die Arbeiterklasse – ob WIC (white, Irish, catholic) oder anderer Herkunft -, die große Politik, über die Labour-Partei und die Arbeiterbewegung.
Hawke, der ehemaliger Premierminister, hatte diese beiden Wege hinter sich. Sohn eines Methodistenpastors, erhielt er eine ein Stipendium zum Studium in Oxford und stand lange an der Spitze der ACTU (die Bundesvereinigung der australischen Gewerkschaften), ehe er zum ersten Vertreter seines Staats wurde, was möglicherweise den unglaublichen Konsens, den sein Name auslöst, und den Prozentsatz zufriedener Wähler von 60 bis 70%. Die Schule ist die eigentliche soziale Grenze. Abgesehen von einigen Gewerkschaftlern und self made men hat praktisch die gesamte Elite Australiens die Bänke einer der (sehr teuren) Privatschulen und konfessionellen Schulen gedrückt.
... Das hat dazu geführt, dass für viele mittelständische Australier der einzige erwägbare Akt sozialen Aufstiegs, sofern die Mittel es erlauben, darin besteht, ihre Kinder auf einer derselben zu schicken, was als sehr „nouveau riche“ (neureich) gilt.





