Tyrannei der Entfernung

Veraltetes Verkehrsnetz

Isoliert und fernab von seinen Kollegen von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Norden, muss sich Australien auch noch mit der Verwaltung eines weiten, ausgedörrten Landes beschäftigen.

Von Perth nach Sydney ist es so weit wie von London nach Istanbul

Die Leere der australischen Weiten wird von der Tatsache unterstrichen, dass z.B. zwischen Perth und Adelaide auf einer Entfernung von 2800 km nur eine einzige  Stadt mit einer Bevölkerung von mehr als 20 000 Einwohnern liegt. Ähnlich sieht es zwischen Adelaide und Darwin aus, eine Distanz von 3000 km, auf der die einzige bedeutende Stadt Alice Springs (18 000 Einwohner) ist.

Weil sich Australien in mehreren Kolonien entwickelte, jede mit ihren eigenen Bahnsystemen, ist das panaustralische Streckennetz noch nicht vollständig entwickelt. Unterschiedliche Schienenbreiten sind immer noch in verschiedenen Staaten in Gebrauch, obwohl auf den hochfrequentierten Langstrecken bereits einige von ihnen abgeglichen wurden. Nur rund die Hälfte des Straßennetzes ist geteert. Andererseits leben ca. 80% der Australier weniger als 40 km vom National Highway entfernt, den 18.400 km Hauptstraßen, die die großen Städte miteinander verbinden. Viele Straßen im Osten sind überladen, während diejenigen im Landesinneren, in enormen Distanzen durch die Wüste verlaufend, nur staubige Wege sind, jedoch auch hervorragend befahrbar, solange Sturzfluten sie nicht fortwaschen.

Der Luftverkehr ist wichtig, und es gibt viele private Landebahnen. Die Civil Aviation Authority hat rund 36.000 Flight Crew Lizenzen für Lufttransport in Australien, was oft das Landen mitten im Busch erfordert, vergeben. Der berühmte Flying Doctor Service ist eine wichtige Institution für Patienten fernab der Großstädte.

Die Deregulierung der Fluggesellschaften bedeutet, dass Quantas seine Monopolstellung auf die internationalen Flüge aufgeben musste und bei Ansett Australia, dem größten einheimischen Fluggesellschaftssystem, brach gleich ein Konkurrenzkampf gegen Quantas um den Markt in Asien und dem Südpazifik aus. Die Öffnung für den freien Markt brachte große Verbesserungen bei der Effizienz und eine Senkung der einheimischen Beförderungskosten um ein Viertel.

Quantas fusionierte 1992 mit dem einheimischen Träger, Australian Airlines, und wurde so zur fünfzehntgrößten Airline der Welt. British Airways, dessen Vorgänger BOAC, ein Aktieninhaber in den frühen Tagen der Quantas Empire Airways vor 1947 war, kaufte 25% Anteile an der Firma.

Australiens Hauptflughäfen wachsen rasant. Sydney erhielt eine dritte Landebahn, in Brisbane bekam einen neuer internationalen Terminal zur Bewältigung des zunehmenden Verkehrs im neuen Jahrtausend. Private Konsortien fordern neue Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Flughäfen und Stadtzentren.

Die Notwendigkeit, Australiens Abgeschiedenheit von anderen Märkten zu kompensieren, hat zur Reorganisation der Frachtindustrie geführt. Seit hat sich durch Verbesserung der Arbeitsabläufe in den Häfen die Produktivität bei der Containerabfertigung verdoppelt, was die Aufenthaltszeiten der Schiffe um 45% senkte.

Die meisten Häfen Australiens konzentrieren sich an der Ostküste, allen voran Sydney als wichtigsten für Mischfrachten und Melbourne mit Anteilen von 44% an Australiens Containerhandel. Port Hedland, nahe der Pilbara Hills in Westaustralien, wurde zu einem der größten Umschlaghäfen für Eisenerz.

Die Globalisierung des Finanzmarkts hat Australien als erstem täglich geöffnetem internationale Zentrum neue Möglichkeiten eröffnet. Händler in Melbourne und Sydney, deren Märkte eine Stunde vor Tokio agieren, arbeiten in einer strategisch günstigen Zeitzone zwischen den USA, Europa und Asien. Die Liberalisierung des Finanzmarkts hat zu einem Aufschwung im australischen Finanzdienstleistungssektor geführt, der nun für 12% des BIP verantwortlich ist. Sydneys Devisenhandel wurde zum viertgrößten außerhalb der USA.

Globales Dorf

Vielleicht nicht überraschend, dass einer der ersten Geschäftsleute, die erkannten wie wichtig die Telekommunikation für die Geschäftswelt sein würde, der Australier Rupert Murdoch war. Das Joch der Distanz, die Australiens Entwicklung so lange aufhielt, hat nur wenig Bedeutung in einer Welt die durch Computer und Satelliten verbunden ist.

Ein Schlüsseldatum war der Dezember 1983, als die Bundesregierung Devisenkontrollen abgeschafft hatte und dem australischen Dollar freigab . Der Bankensektor wurde dem ausländischen Markt 1985 geöffnet und umschließt jetzt rund 17 ausländische Banken. Hinzu kommen 70 ausländische Anlagebanken in Australien.

Australien besitzt das weitverbreitetste Netz an Glasfaserleitungen der Welt und sein ISDN-Gebrauch und anderer schneller Verbindungen ist fortgeschrittener als in Europa und den USA. Damit steht Australien an der Spitze eines Zweiges, der mittlerweile rund 40% des weltweiten BIPs ausmachen dürfte.

Australiens Abgeschiedenheit hat sicher zum Verlangen nach Zeitungen und TV-Programmen beigetragen. Aber die große Anzahl an Titeln und Programmen Down Under ist irreführend, da die Medien nur von zwei Personen beherrscht werden, Kerry Packer und Rupert Murdoch, der 2011 wegen illegaler Abhörpraktiken in Großbritannien schwer unter Beschuss geriet..

Energie und Wasser

Trockenheit ist Australiens größter Nachteil – obwohl ein fruchtbareres Land zweifelsohne eine blutigere Geschichte zufolge gehabt hätte. Außerdem wird der Mangel an Wasser durch den Überfluss an Energie wieder wettgemacht. Kohle, Öl und Gas sind reichlich vorhanden. Solarenergie wird zur realistischen Hoffnung für die Zukunft in dem Land, in dem die Sonne fast ununterbrochen scheint.

Trockenheit ist ein ernsthaftes Problem. Ein einziger Fluss vom Format des Jangtse in China liefert doppelt soviel Wasser wie sämtliche Flüsse Australiens zusammen. Trotz erheblicher unterirdischer Wasservorräte in Form eingelagerter Grundwasserbecken – das Great Artesia Bassin ist das größte seiner Art auf der Welt und liefert rund 20% von Australiens Wasser – gestaltet sich die Wasserspeicherung durch hohe Versalzungs- und Verdunstungsraten schwierig.

Mangel an Regen, der die Flüsse kontinuierlich am Fließen halten würde, sowie das flache Land haben die Entwicklung von Wasserkraft auf dem Festland gebremst. Tasmanien jedoch, eine bergige Insel mit starken Regenfällen, verlässt sich sehr auf diese Energieform.

Trotzdem befindet sich eines der bekanntesten Wassermanagement-Projekte in Australien. Das Snowy Mountain Scheme ist ein Stromgewinnungs- und Bewässerungskomplex, an dem man 25 Jahre baute. Nach der Fertigstellung 1974 leitete es den Snowy River von seinem natürlichen, süd-östlichen Flussrichtung nordwestwärts in den Murray River.

Das System bedeutete den Bau von 20 Dämmen, 300 km Tunnel und Aquädukte. Es erzeuge 4000 Megawatt Strom in sechzehn Elektrizitätswerken. Das neugewonnene Wasser reiche aus, um die Bewässerung um 2500 km² zu erweitern.

Dieses Wunder der Technik wurde noch vor der Bildung der Umweltlobbys umgesetzt. Projekte dieser Größenordnung, in den verschiedensten Teilen der Erde von Brasilien bis Südostasien vorgeschlagen, treffen nun auf weit verbreiteten Widerspruch aufgrund der Wirkung, die sie auf die örtliche Umwelt haben. Trotz dessen gibt es keinen Zweifel daran, dass das Snowy Mountain Projekt beachtlichen Nutzen für Südostaustralien brachte.

Rund 75% der Elektrizität wird in thermischen Elektrizitätswerken erzeugt, gewöhnlicherweise mit australischer Kohle. Es gibt keine Atomkraftwerke in Australien, da diese auf großen öffentlichen Widerstand stoßen würden. Zudem existieren noch weitere Energiequellen.

Teile Australiens sind noch heute von den Nuklearversuchen der Briten in den 50ern kontaminiert. Großbritannien hat sich kürzlich einverstanden erklärt, 20 Millionen Pfund zur "Reinigung" von Maralinga und Emu zu zahlen, eine geringe Entschädigung angesichts der Zerstörung, die sie dem Gebiet und den Aborigines, die dort lebten, zugefügt haben. Wie man atomverseuchtes Gebiet allerdings "reinigt", bleibt ein Geheimnis der Briten. Bestimmt ist Zauberkraft und der liebe Gott im Spiel.

Obwohl das Interesse an der Idee der Wind-, Gezeiten-, und Solarenergie groß ist, wird nur letztere extensiv genutzt. Viele australische Haushalte erhitzen ihr Wasser mit Solarkollektoren, und bei der Erforschung von Photovoltaik ist Australien ganz vorne dabei.