Einwanderung und Rassenkonflikte
Kein Paradies auf Erden
Australien war kein Toleranz-Weltmeister
„Eine andere Sklavenart verkörpert der ausländische Arbeiter, der lieber freiwillig als Sklave auf Utopia dient, als in seiner Heimat im abstoßendsten Elend zu leben. Diese Leute werden mit Achtung und fast so freundlich wie die Utopianer selbst behandelt, aber sie müssen schwerer arbeiten, in dem Maße, wie sie es gewohnt sind. Falls sie das Land verlassen möchten, was selten genug vorkommt, dürfen sie dies und erhalten dazu eine kleine Summe Geldes.“
Zutreffender könnte man eine Auswanderung mit menschlichem Gesicht kaum beschreiben.
Australien ist selbstverständlich seit seiner Gründung ein Einwanderungsland. Doch im Gegensatz zu den USA, die bis vor kurzer Zeit eine ultraliberale Einwanderungspolitik (Stichwort melting pot) betrieben haben, hat Australien den Strom der Einwanderer stets mit strenger Hand überwacht: Dies ist übrigens zweifellos der Scheidepunkt, ab dem die Schicksale der beiden Nationen mit der Ausdehnung eines Kontinents auseinandergingen.
Der australischen Regierung ging es nämlich stets darum, die „Qualität“ der menschlichen Bevölkerung, nicht deren Quantität (seltsamer Begriff für das Land der Sträflinge, der convicts, und der Soldatenmädchen), in besonderem Maße zu fördern.
Zwei Gebote haben waren maßgebend. Das eine, das famose Konzept des „Keep Australia white“ (und angelsächsisch) wurde erst 1972 abgeschafft, auf Anregung des Labour-Ministeriums von Gough Whitlam; das andere, implizite, hat noch immer Gültigkeit: Solange die Wirtschaft läuft, öffnet man die Schleusen, sobald sie ins Stocken gerät, schließt man sie. So hofft man, die Arbeitslosigkeit im Griff zu behalten, und vor allem, unter dem Druck der Gewerkschaften, die Gehälter in den hyperprotegierten Industrien stabil zu halten. Eins steht außer Frage, nämlich eine Pokerpartie amerikanischer Art zu spielen: den Markt, also die Wirtschaft, anzukurbeln, indem man eine großzügige Bevölkerungserweiterung durch eine radikale Lockerung der Einwanderungsquoten zuließe.
Ergebnis: Australien ist zweifellos das weißeste und angelsächsischste Land des Planeten. 1947 brüstete es sich, ohne die Ureinwohner mitzuzählen (die bis 1967 keine australischen Staatsbürger waren), ein „zu 98% englisches Land“ zu sein.
Nach dem Ersten Weltkrieg öffnet Australien seine Tore: 3 400 000 „neue Australier“ treffen ein, und die Hälfte davon stammt aus dem europäischen Festland. Es sind zu 50% Italiener und Griechen, aber auch Deutsche, Holländer, Flüchtlinge aus Osteuropa. Und wenn man heute bedenkt, dass ein Australier von fünf nicht-britischer Geburt oder Herkunft ist, wird offensichtlich, dass die verschiedenen „ethnischen“ (wie man in Australien sagt) Gemeinschaften weit davon entfernt sind, die ihrem zahlenmäßigen Gewicht entsprechende politische und kulturelle Bedeutung erlangt zu haben.
„Schwerer arbeiten als die anderen“, wird den „Gastarbeitern“ kaum als Verdienst angerechnet. Und es schneller zu etwas bringen, zumindest im Verhältnis zu den materialistischen Kriterien der australischen Gesellschaft insgesamt. Die Kinder ergeben ebenfalls, trotz ihrer schwer auszusprechenden Namen, hervorragende kleine Australier. Zahlreiche „Bräuche“ aus dem Mittelmeerraum werden allmählich von den Australiern angelsächsischer Herkunft übernommen (Wein, das abstoßende garlic bread, Espresso, die Cafés mit Terrasse).
Andererseits war noch zu Hawkes Zeiten kaum ein italienischer oder griechischer Name in Ministerium (ein paar jüdische Namen, die einzige „ethnische“ Gemeinschaft, die wirklich integriert wurde) oder in denen seiner Vorgänger zu finden, Die politischen Autoritäten südeuropäischen Ursprungs lassen sich auf allen Ebenen an den Fingern einer Hand abzählen. Erst heute ändert sich das allmählich.
Die nicht-englische Kultur wird in ähnlicher Weise ins Ghetto abgeschoben, dessen Symbol Channel 0-28 ist, der ethnische Fernsehsender Sydneys und Melbournes: der den neuen Australiern vorbehaltene Sender strahlt ausgezeichnete Filme aus aller Welt in der Originalfassung aus und widmet den verschiedenen Gemeinschaften sehr gute Sendungen.
Niemand gibt zu, dass er diese guckt. Und doch wird die ethno-kulturelle Übertragung ohne den Hauch eines Zweifels Erfolg haben: Die blonden Australier finden nicht genug Wörter, um die Reize der dunkelhaarigen Mittelmeerleute zu preisen, welche ihrerseits ihre unwiderstehliche Freiheit schätzen. In einem Land, das nahezu zwei Jahrhunderte an der äußersten Grenze zur Stammes-Endogamie gelebt hat, wird ein wenig frisches Blut, in biologischer und kultureller Hinsicht, von allen Männern und Frauen wie ein Segen aufgenommen.
Asiaten
Ebenfalls im Auge zu behalten ist die Ankunft asiatischer Auswanderer. Zum zweiten Mal in seiner Geschichte öffnete Australien seine Tore einen Spalt breit. Das erste Mal in den 1850er Jahren, zur Zeit des Goldrausches in Kalifornien und auch Australien: Die Ablehnung der chinesischen Diggers war total gewesen, derart, dass 1901 eines der ersten vom ersten Parlament der ganz neuen Nation abgesegneten Gesetze jegliche Einwanderung außer der von Weißen untersagte.
Die zweite Welle, die auf die Abschaffung des erwähnten Gesetzes 1973 und die politischen Umwälzungen in Asien folgte, trat damals ein: 78 000 indonesische Boat People (weltweit an erster Stelle, was den Prozentsatz an Flüchtlingen pro Bewohner betrifft). Außerdem zählen dazu Flüchtlinge aus Timor sowie Chinesen aus Hong Kong, die ihren strategischen Rückzug planen - um nicht von den japanischen Geschäftsleuten zu sprechen, die buchstäblich dabei sind, das Land aufzukaufen.
Ergebnis: das Land wird bunter, zahlreiche nicht-weiße Gesichter sind in der Menge zu entdecken, und – aber darauf haben die Australier kaum das Monopol – sprießen hier und da rassistische Sprüche auf den Mauern der aufgrund von Krisen geschlossenen Fabriken.





