Australien im Fokus: Entwicklung einer neuen Identität

Vom Wirtschaftswandel 1983

Parallelen zwischen Australien und Großbritannien

Es ist symbolträchtig, dass Australien, einst Teil des altertümlichen Kontinents Gondwana, langsam zurück in Richtung des asiatischen Festlands driftet. Diese geologische Verschiebung wird allerdings mehrere Millionen Jahre dauern, entgegen der Verschiebung des wirtschaftlichen Fokus, welche wesentlich schneller vonstatten geht.
In den letzten zehn Jahren vervierfachte sich der Handel mit Südostasien, das somit Europa als Haupthandelspartner Australiens ablöst.

Zusammen mit dieser Änderung hat sich auch die australische Wirtschaft gewandelt, angefangen 1983 mit der Aufgabe der Devisenkontrolle und der Deregulierung des Finanzdienstleistungssektors. Seitdem wurden einige Maßnahmen durchgeführt, um die Wettbewerbsfähigkeit der australischen Wirtschaft zu erweitern. Strenge Steuerregelungen wurden durchgeführt und senkten die Inflation um 2%. Der doppelte Druck von Arbeitslosigkeit und ausländischer Konkurrenz bedeutete eine neue Realität für die Gewerkschaftsführer, die dazu gezwungen waren, neue Produktionsabkommen zu schließen und wettbewerbsbeschränkende Praktiken zu beenden. Streiks wurden ein Teil der Geschichte.

Australiens Vergangenheit ist voller energischer Gewerkschaften und Streiks, die manchmal in Gewalttätigkeiten ausbrachen – sowie paranoiden Vorstellungen von schleichendem Kommunismus. Die Struktur der Gewerkschaftsbewegungen mit ihren rund 275 Einzelgewerkschaften verschärfte die Lage nur, ähnlich wie in Großbritannien. Rund die Hälfte der australischen Arbeiter sind heute Gewerkschaftsmitglieder.

Falls sich all dies für britische Ohren bekannt anhören sollte, so gibt es noch mehr Parallelen.
Die Erhebung eines Finanzdirektors (Paul Keating) zum Premierminister, der den charismatischen, lang eingesessenen Führer (Bob Hawke) ersetzte und dann einen unerwarteten Wahlsieg davontrug, nachdem sich die Opposition wegen der Steuern selbst ins Knie geschossen hatte, ist eine davon. Es gibt sogar Verschwörungstheoretiker, die eine finstere Verbindung zwischen der britischen und australischen Einparteienherrschaft und Rupert Murdochs Plänen zur Erringung der Weltherrschaft durch die Medien sehen.

Sicherlich weit hergeholt, aber wer kann bestreiten, dass die Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik in beiden Ländern in der letzten Dekade mit ungebrochener Stärke zugenommen hat?
Ob die britische Regierung konservativ ist und die australische links oder umgekehrt, scheint heute, in Tagen des Pragmatismus und der Freien Marktwirtschaft, kaum noch zu zählen.

Bis zur Reformierung, die mit der Gough Whitlam Regierung 1972-75 kam, hatte die australische Gesellschaft den Ruf, langweilig und konventionell zu sein. Die Backsteinhäuser in den Vororten beherbergten nur wenige Revolutionäre. So wurden die Australier laufend für ihre Borniertheit verspottet.

Aber eine hochurbanisierte Gesellschaft kann sich schnell ändern. Die Einflüsse von Einwanderung, Fremdenverkehr, Investitionen aus dem Ausland und neuen Kommunikationstechnologien haben Australiens Großstädte in Vielvölkerareale verwandelt, die empfänglicher für neue Ideen sind als manche ältere und weitschweifigere europäische Gesellschaften. Nach Jahrzehnten des kulturellen Ringens hat Australien ein neues, energisches Kunstleben.
Als immer noch junges Land mit geringer Bevölkerung ist Australien empfänglicher für Veränderungen – und möglicherweise auch für die Manipulation größerer Nationen.

In dem Maße wie England mit den Jahren an Einfluss verloren hat, ist Amerikas Macht gestiegen. Das Australische Pfund wurde 1966 abgeschafft und durch den Australischen Dollar ersetzt. Andere Manifestationen amerikanischen Einflusses – Konsumgüter, Fast Food, Werbung, Hollywood Filme und TV-Programme – wurden durch die strategische und politische Bedeutung verstärkt, die die amerikanische Vorherrschaft in der australischen Bergbau- und Verteidigungsindustrie innehat.

Australien wurde als Amerikas 51. Staat bezeichnet und Lyndon B. Johnson, der 1966 zu Besuch kam, wurde enthusiastisch empfangen (allerdings war das nichts im Vergleich mit dem allgemeinen Beifall für die junge Queen Elizabeth 1954). Mit seinem Sonnenschein, den Stränden, seinen jungen gesunden Menschen und seinen neuen urbanisierten Hochhäusern, wirkte Australien mehr wie Kalifornien als wie Sussex.

Im sonnenbeschienenen Australien ist es leicht zu glauben, dass die besten Dinge im Leben gratis sind. Über seine Verhältnisse zu leben und am Strand abzuhängen sind übliche Sünden australischer Lebensart. Die dunklere Seite hingegen birgt Korruptionsskandale, Drogenkonsum und hohe Selbstmordraten unter Jugendlichen. Für manche ist das neue Bild Australiens – konkurrenzfähig, erfolgreich, schön – einfach zu schwer zu erreichen.

Australien hat einen langen Weg hinter sich, von Waltzing Matilda, mit seinen Echos der Not und an Sonnenhüte geschnürten Korken, um die Fliegen abzuhalten (s. auch Monty Python-Link, http://www.down-under.org/content/hogan-und-der-mittelstand), bis zu einem Hightech-Wirtschaftsstützpunkt, einer Art südlichem Flugzeugträger für den geschäftlichen Angriff auf den asiatischen Markt. Kaum verwunderlich, dass Australien, das eher auf freien Handel als auf Protektionswirtschaft setzte, vom Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) entzückt ist.

Währenddessen ist die Bewegung zum Republikanimus unaufhaltsam, trotz der Zuneigung zum britischen Königshaus. Ein Besuch des Prinzen von Wales könnte helfen, die Flut einzudämmen, sie jedoch nicht umkehren. Es scheint unausweichlich, dass in Kürze der Union Jack von der australischen Flagge verschwunden sein und von einer neuen Version in Grün und Gold ersetzt wird, den neuen offiziellen Farben Australiens seit 1984.